Jeder kann fotografieren
Soziale Fotografie der 20er Jahre von Ernst Thormann, Kurt Pfannschmidt, Richard Woike, Eugen Heilig, Heinrich Zille
Jeder kann fotografieren
Soziale Fotografie der 20er Jahre von Ernst Thormann, Kurt Pfannschmidt, Richard Woike, Eugen Heilig, Heinrich Zille
Ernst Thormann
Kurt Pfannschmidt, Richard Woike
Eugen Heilig
Heinrich Zille

Ernst Thormann

© Ernst Thormann
1905 Ernst Thormann wird in Breslau als Sohn eines Schriftsetzers geboren.1910 Die Familie Thormann zieht um nach Berlin-Neukölln, wo der Vater beim "Vorwärts" arbeitet. 1917/18 Ernst Thormann wird wegen Unterernährung zunächst für vier Wochen nach Dänemark geschickt, anschließend im Zuge der Kinderverschickung durch den Magistrat für sechs Monate nach Pommern, wo er bis zum Kriegsende bleibt. Dort besucht er die Zweiklassenschule. 1919 Arbeitsbursche bei einer Dreherei in Neukölln. Er erkrankt an einer Hüftgelenksentzündung, die nie vollständig ausheilt, weshalb er auch später nicht Berufsfotograf werden kann. 1920 Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus beginnt er eine Lehre als Stahlgraveur. Nach der Arbeit und neben seinem Engagement im sozialistischen Jugendverband beginnt er zu zeichnen, zu malen und zu modellieren und schließlich auch zu fotografieren. 1921 Der Vater kauft dem 16-Jährigen einen 9x12-Fotoapparat. 1922 Ernst Thormann tritt der Kommunistischen Jugend Deutschlands bei.
1924 Entlassung aus seiner Lehrfirma, Arbeitslosigkeit. Ab und zu kurzfristig Arbeit als Aushilfskraft. 1925 Ernst Thormann tritt der KPD bei. 1926 Als die Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands (VdAFD) entsteht, sind Ernst Thormann und Eugen Heilig unter den Gründungsmitgliedern. Thormann beginnt, das soziale Milieu, in dem er lebt, auf Glasplatten zu fotografieren. Bei den Arbeiterfotografen lernt er seine spätere Frau Frieda Schneider und Richard Woike kennen. Es folgen zahlreiche Veröffentlichungen in der "Arbeiter-Illustrierten-Zeitung" (AIZ) und im "Arbeiter-Fotograf". Insbesondere betreuen er und Eugen Heilig abwechselnd die Seite "Bildkritik". 1929 Ernst Thormann wird in den Reichsvorstand der VdAFD gewählt und ist dort Reichsbildwart. Durch diese Tätigkeit bekommt er Kontakt zu Kurt Pfannschmidt. ab 1930 Arbeit auf Rollfilmmaterial. Umschulung zum Tiefdruckretuscheur. Fotografische Arbeiten für die AIZ. 1933 Die VdAFD geht in die Illegalität. Eugen Heilig, ehemaliger Redakteur beim "Arbeiter-Fotograf", bezieht Thormann in die illegale Arbeit ein. Ernst Thormann reproduziert Schriftstücke und Flugblätter. 1939 Ernst Thormann und Frieda Schneider dürfen zur Zeit des Nationalsozialismus nicht heiraten, weil Frieda – mit der damaligen Bezeichnung – "Halbjüdin" war. Frieda lässt sich sterilisieren, um Ernst trotzdem heiraten zu können. Dennoch wird ihnen die Hochzeit verwehrt, stattdessen wird Frieda 1942 in die Große Hamburger Straße bestellt. Sie versteckt sich drei Jahre lang in einer Laube bei Oderberg, um nicht das Schicksal ihrer in Theresienstadt vernichteten jüdischen Mutter zu teilen. 1943 Thormann wird zum Arbeitsdienst verpflichtet, für den Militärdienst ist er aufgrund seines Hüftleidens ungeeignet. 1945 Kurz vor Kriegsende wird er zum "Volkssturm" eingezogen, es gelingt ihm aber, sich abzusetzen. Am 8. Mai 1945 heiraten Frieda Schneider und Ernst Thormann. 1945 – 1970 Ernst Thormann arbeitet als Retuscheur bei verschiedenen Verlagen und beim DDR-Fernsehen. Den Großteil von Friedas VdN-Rente (Verfolgte des Naziregimes) spendet das Ehepaar Thormann lebenslänglich an den Tierpark Berlin.1984 Ernst Thormann stirbt in Berlin.
Die Thormanns übergaben am Ende ihres Lebens dem Dokumentarfilmer und Kameramann Peter Badel ihren gesamten fotografischen Nachlass.

© Ernst Thormann

Kurt Pfannschmidt

© Kurt Pfannschmidt
1901 wurde Kurt Pfannschmidt in Leipzig als Sohn eines Steinmetzes geboren, der u. a. das Völkerschlachtdenkmal und den Hauptbahnhof miterbaute. Kurt machte eine Berufsausbildung zum Buchdrucker und wurde Mitglied der Sozialistischen Arbeiter-Jugend. 1918 musste er als Soldat in den Ersten Weltkrieg; gesund, aber verlaust kehrte er nach Leipzig zurück. Mit deren Gründung wurde Kurt Pfannschmidt 1919 Mitglied der KPD. Er arbeitete als Spritzmaler und als Buchdrucker. Seit seiner Jugend war Pfannschmidt begeisterter Arbeitersportler und Amateurfotograf. Aufgrund seiner illegalen Tätigkeit nach 1933 wurde Kurt Pfannschmidt verhaftet und wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu sechs Jahren Haft in den Zuchthäusern Waldheim und Sachsenburg verurteilt. Anschließend wurde er 1944 als "Wehrunwürdiger" in das Strafbataillon 999 der Wehrmacht eingezogen.
Nach seiner Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft arbeitete Pfannschmidt beim Gewerkschaftsbund (FDGB) der DDR und bei der Gesellschaft zur Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse (Urania). Kurt Pfannschmidt starb 1987 in einem Ostberliner Krankenhaus mit Blick über die Mauer auf das Engelbecken in Kreuzberg.
Über den Arbeitersport kam Pfannschmidt in den 20er Jahren zur Arbeiterfotografie und engagierte sich in der Leipziger Ortsgruppe der Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands (VdAFD), wo er u. a. Bekanntschaft mit Ernst Thormann schloss, der den jährlichen Fotomappenaustausch zwischen den Ortsgruppen von Hamburg bis Stuttgart organisierte.
Erst in den 80er Jahren wurde die enge Zusammenarbeit zwischen Pfannschmidt und dem Arbeiterschriftsteller Ludwig Turek ("Ein Prolet erzählt", 1929) bekannt, die in dieser Ausstellung durch das Foto von einer Demonstration ("Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller gegen Kirche und Kulturverkleisterung") belegt wird.
In nahezu idealer Weise erfüllte Kurt Pfannschmidt den Auftrag von Willi Münzenberg an die Arbeiterfotografen, das Leben der Arbeiter in seiner ganzen Breite zu dokumentieren: Es gibt Alltagsfotos und anrührende Kinderbilder (u. a. von seiner Tochter, die uns dankenswerterweise Kurt Pfannschmidts fotografischen Nachlass zur Verfügung gestellt hat); es gibt sowohl spannende Arbeitersportbilder als auch Fotos von Demonstrationen.

#© Kurt Pfannschmidt

Richard Woike

© Richard Woike
Richard Woike (Jahrgang 1901) musste ohne Eltern aufwachsen; seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war, seinen Vater hatte er nicht kennengelernt. Ein Pfarrer vermittelte das Kind an eine Pflegefamilie in Berlin-Neukölln. Nach seiner Lehre zum Schmied ging Richard Woike auf die Walz. Nachdem er zwei, drei Jahre von Bauernhof zu Bauernhof gezogen war und Pferde beschlagen hatte, kehrte er nach Berlin zurück und arbeitete auch hier als Schmied. Auf Anraten von Ernst Thormann – der ihn, obwohl jünger als Woike, unter seine Fittiche nahm – begann er zu fotografieren und verschwand immer öfter in der Dunkelkammer.
Als Soldat im Zweiten Weltkrieg wurde Richard Woike verwundet und kehrte nach Berlin zurück. Nach dem Krieg machte er das bisherige Hobby bald zum Beruf und wurde selbständiger Fotograf in der DDR.
Woikes Arbeiten aus den 20er Jahren zeigen, dass er sich stark zu sozialen Randgruppen hingezogen fühlte: Er knipst Alkoholiker, Bettler und Obdachlose.
Thormann und Woike fotografierten und entwickelten ihre Fotos gemeinsam in der Arbeiterfotografen-Ortsgruppe Neukölln. So tauchen beispielsweise Aufnahmen von der "Volks-Schau" unter anderen Blickwinkeln auch bei Thormann auf. Siehe das auf dem Boden liegende "Rummel"-Bild oder die "Ringer".
Wir danken der Familie Woike für die Informationen und die zur Verfügung gestellten Bilder.

Eugen Heilig
Der 1892 geborene Eugen Heilig begann bereits 1912 zu fotografieren und war ein "Arbeiterfotograf der ersten Stunde". Nach seiner Lehre zum Galvanoplastiker ging er auf die Walz nach Italien, über die er seine ersten Fotoserien – u. a. über den Mailänder Generalstreik – anfertigte. Der damals erst 22-jährige kritische Fotograf dokumentierte 1914 die "Mobilmachung" zum Ersten Weltkrieg in Bad Cannstadt, um im selben Jahr in Ypern den ersten toten Soldaten im Sarg aufzunehmen.
Als 1926 die Vereinigung der Arbeiter-Fotografen Deutschlands (VdAFD) gegründet wurde, kümmerte der gebürtige Württemberger Eugen Heilig sich um die Gründung der Ortsgruppe Stuttga_rt. 1929 berief ihn Willi Münzenberg in die Redaktion der "Arbeiter-lllustrierten-Zeitung" (AIZ) nach Berlin. Gleichzeitig wurde er verantwortlicher Redakteur der Vereinszeitschrift "Der Arbeiter-Fotograf". Eugen Heilig war in dieser Zeit gleichzeitig Redakteur, Reporter und Bildkritiker und arbeitete bei der AIZ eng mit John Heartfield zusammen. In der VdAFD in Berlin hatte Eugen Heilig auch mit Ernst Thormann zu tun, der dort die Funktion des Reichsmappenwartes innehatte.
Ab 1933, als auch der "Arbeiter-Fotograf" verboten wurde, arbeitete Heilig wieder als Galvanoplastiker in einer Druckerei und reproduzierte "nebenbei" gemeinsam mit Ernst Thormann Flugblätter, die als unentwickeltes Negativ weitergegeben wurden. Als Vorsichtsmaßnahme, denn wenn bei einer Razzia das Material aufgerissen worden wäre, wurde es einfach schwarz.
Zeitweise lebte Heilig in Süddeutschland. Dort hat er sein Fotomaterial, in Zinkbehältern eingelötet, im Garten vergraben. Als sein Sohn Walter, ab 1943 im Krieg, kurz auf Bombenurlaub nach Hause kam, zeigte er ihm für den Fall der Fälle, wo das Material vergraben war. Beide, Vater und Sohn, überlebten den Krieg, und eine Kamera, die Eugen Heilig über den Krieg hinweggerettet hatte, wurde die erste Kamera von Walter Heilig, der in der DDR Fotograf wurde.
Nach 1945 war Eugen Heilig Pressereferent in der Provinzialverwaltung Potsdam. Fotografiert hat er immer noch, beispielsweise das Hochwasser 1946 im Oderbruch und immer wieder die Friedensfahrt durch Berlin. Eugen Heilig starb 1975 in Berlin
Die Ausstellungsfahnen wurden uns freundlicherweise, mit Einverständnis von Monica Heilig, von der Galerie Arbeiterfotografie Köln zur Verfügung gestellt..

Heinrich Zille
Die Arbeiterfotografen der 20er und 30er Jahre orientierten sich am sozialen Gestus der Kunst von Heinrich Zille. Man muss davon ausgehen, dass sie dessen Fotografien nicht kannten, weil diese ihm selbst zunächst nur als Gedächtnisstützen, als Vorlage für seine Malerei dienten. Zilles Zeichnungen und Bilder waren bei den Arbeiterfotografen bekannt und beliebt.
Heinrich Zille (1858 – 1929) wurde in Radeburg nördlich von Dresden geboren. Er begann in Berlin eine Ausbildung als Lithograph und besuchte Abendkurse an einer Kunstschule. Als Geselle der Photographischen Gesellschaft hatte Zille regelmäßig Umgang mit dem Medium Fotografie. Immer auf Motivsuche, wanderte Heinrich Zille jahrelang von Rummelsburg nach Köpenick, Karlshorst und Biesdorf und später auch in die Großstadt Berlin, die unaufhörlich wuchs. Etwa zur gleichen Zeit begann er zu fotografieren. Seine Zeichnungen wurden veröffentlicht und ausgestellt, 1924 wurde er in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen und als Professor berufen.
Heinrich Zilles Popularität ging schon zu Lebzeiten weit über Berlin hinaus, das fotografische Werk jedoch stand jahrzehntelang im Hintergrund.
Die hier gezeigten Abzüge von Heinrich Zilles Fotografien (die Aufnahmen entstanden zwischen 1897 und 1902) wurden uns leihweise zur Verfügung gestellt.
Vergrößerungen: Michael Ruetz, München, 1975.
Das Vergrößern eines ca. 90 Jahre alten Negativs, das oftmals chemische Veränderungen, Flecken, Kratz- und andere Spuren der Zeit aufweist, ist immer eine fotografische Herausforderung. In diesem Fall kommt erschwerend hinzu, dass Zille selbst keine Vergrößerungen angefertigt hat. Ihm genügten Kontaktabzüge.
Ernst Thormann
v.n.l.r. H.R., Richard Woike, Ernst Thormann, Frieda Schneider, W.S.,, Berlin, 1926/27
Eugen Heilig, Walter Heilig, Frieda Schneider und Frau Heilig
Richard Woike
Kurt Pfannschmidt